lieber wind, nimm mich mit

Jetzt kehrt langsam Ruhe ein. Ich kann wieder etwas freier denken. Klarer fühlen. Es ist die Sorte Ruhe, die einkehrt, wenn ich immer mehr begreife, was jetzt alles geschehen wird. Wenn ich realisiere, dass ich um diesen Wendepunkt in meinem Leben nicht mehr drumherum komme und akzeptieren muss, dass ich durch diese Phase hindurch gehen werde. Wie auch immer. Am besten Schritt für Schritt. „Das ist das Geheimnis!“, so Beppo, der Straßenkehrer in Momo. Es ist, als hätte ich mein Vertrauen wieder gefunden. Ich weiß, das wir am Ende irgendwo herauskommen werden, wo es schöner sein wird. Obwohl es sich so gerade überhaupt nicht anfühlt.

Ich bin immer noch überfordert, doch hat sich dieses hilflose Straucheln verändert. Es ist nicht mehr, die mich in Gänze weg schmetternde Angst allem nicht gewachsen zu sein. Es ist, als könne mich jetzt nichts mehr umhauen, weil ich eh schon liege. Doch als es passierte, war es, als stünde die Überforderung mächtig über mir, mit vielen scharfen Messern gewetzt. Sie trafen mich bis ins Mark. Sie kam wie aus dem Nichts.

Nein, das stimmt nicht!
Wenn ich ehrlich zu mir bin, hat sich alles angekündigt.

Rado hatte einen Schlaganfall. Von jetzt auf gleich musste ich alles alleine verantworten und ich hatte große Sorge um Rado. Eine Situation vor der ich mich schon seit Jahren fürchtete, weil ich sie kannte. Es gab sie schon einmal und ich erinnere mich gut. Es war schrecklich. Ich wollte mich wappnen, ich drohte Rado, dass ich spätestens zu seinem 60. aus der gemeinsamen Manufaktur aussteigen würde, sollte sich nichts grundlegendes ändern. Nicht, dass ich gewusst hätte, wie wir etwas ändern konnten. Wir steckten fest.

Ich merke, wie Scham hochkommt. Mir ist es unangenehm, dass ich eine Situation in meinem Leben als ausweglos betrachtete. Ich, die immer eine Lösung hat. Ich wusste wohl nicht weiter.

Nein, das stimmt auch nicht. Ich hatte für mich eine Lösung. Ich hatte nur nicht den Arsch in der Hose. Kennst du das, du würdest dich ja gerne in eine andere Richtung bewegen, schnupperst auch schon an Wochenenden in den neuen Gefilden herum und bereitest auch schon das Ankommen in irgendeiner Form vor. Es wirkt sogar ganz normal, du sprichst auch offen darüber, als seist du auf einem Auslandstrip gewesen, doch es ist eben nur ein Trip und du sprichst nicht vom konkreten Auswandern.

Obwohl, ich glaube, ich habe Rado schon sehr lange gesagt, dass ich unglücklich mit unserer Situation bin. Ich hatte aber gehofft, dass er auf einem weißen Schimmel angeritten kommt und sagt „Baby, steig auf, wir reiten davon!“

Ich hatte nicht die Courage, diesen Satz zu ihm zu sagen.
Nein, das stimmt auch nicht.

Ich habe ihn oft in abgewandelter Droh-Form gesagt. Doch dann kamen die vielen „Ja, aber!“ die nunmal auf Drohgebärden folgen und von denen habe ich mich wiederum einschüchtern lassen. Ein Teufelskreis, in dem Rado und ich nach unten trieben. Das ärgert mich aus heutiger Perspektive sehr. Ich hätte nur aus der Droh-Form eine Ich-pack-das-für-mich-an-Form machen müssen. Ich glaube, da sitzt auch meine Scham. Ich weiß, dass ich krank werde, wenn ich eine mich über Jahre mürbende Situation nicht ändere. Ich habe Rosazea bekommen. Das sind rote Stellen im Gesicht, die in Stressmomenten richtig stark leuchten und bei richtig viel Stress bekomme ich auch Pusteln die zum Glück im Laufe der Zeit von der Stirn auf meinen Nasenrücken gewandert sind und unter meiner Brille kaum mehr zu sehen sind. Jedenfalls will ich das so glauben und kann diese Krankheit gut wegignorieren.

Der Schlaganfall macht es uns schwerer etwas zu ignorieren. Er hat sich gut sichtbar in unser Leben gestellt.

Rado war genauso unglücklich mit der Situation wie ich. Er sah zwar keinen Ausweg, doch in ruhigen Momenten konnten wir uns anvertrauen, dass wir beide nicht wussten, wie wir aus der Sackgasse herauskommen können. Wir kamen dann immer nur zu der Erkenntnis, dass wir dann alles zerstören müssten. Alles.

Jetzt ist der Moment gekommen, wo wir von aussen dazu gezwungen werden und es mag merkwürdig klingen, aber ich fühle Erleichterung. Mir wurde der schwere Entschluss abgenommen und ich muss mich nicht von Rado trennen. Das war im tiefsten Herzen meine größte Sorge. Ich dachte immer, wenn wir nicht am selben Strang zieht, dann muss ich unseren Strang durchschneiden.

Durch den Schlaganfall war auf einmal klar, was jetzt ansteht.

Die Manufaktur war ursprünglich von Rado und mir ins Leben gerufen worden, um für eine Gemeinschaft, eine wirtschaftliche Basis anzubieten. Ja, wir hatten bei der Gründung von GUTDING die Vision im Herzen, ein „Dorf“ mit Gleichgesinnten gründen zu wollen. Uns war wichtig, dass wir mit etwas tätig sein wollten, dass uns über den Zweck hinaus mit den Menschen verbindet. Wir wollten bezugnehmend aufeinander leben und arbeiten.

Doch sind wir an dem Ort, der so verlockend schön zu passen schien und an dem wir fünf Jahre gewirkt haben, jäh gescheitert. Mir war die Tragweite von fehlender Augenhöhe nicht bewusst. Wir setzten blind auf ein Herrschaftliches Pferd mit zwei linken Händen. Beide Seiten – die Halterin des Tieres und wir Visionäre, waren getrieben von unseren Bedürftigkeiten. Eine Falle in die wir alle einstürzen mussten und eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Wir mussten den Ort verlassen. Schnell. Wir fanden in Rickling – zwischen Neumünster und Bad Segeberg in einem Dorf in Schleswig-Holstein – eine Bleibe, in der wir eine Möglichkeit für eine Produktionsstätte fanden. Wir renovierten, investierten und arbeiteten sieben Tage die Woche, lebten vorübergehend in der Lagerhalle und nahmen mehr in Kauf als gesund war. Sechs Jahre hatten wir nun schon improvisierte Lösungen zugelassen, in der Hoffnung, dass wir auf dem Gutshof irgendwann …

… sechs Jahre sind wir nun in Rickling. Es wurde vieles entspannter, doch durch die steigende Bürokratie wurde vieles auch tiefersitzend Stressiger. Rado sagte öfters leicht sarkastisch „Mit einem Bein sind wir schon im Knast, Agapi.“ und das erinnerte mich an den Mann vom Amt vor 12 Jahren, der genau den Satz zu uns sagte, als wir das Gewerbe für GUTDING anmeldeten.

Wir werden unsere Manufaktur GUTDING nun zu einem Teil schließen. Ich kann zu allem was mich ohnehin schon überfordert nicht auch noch das übernehmen, was Rado so sehr belastet hat. Die viele körperliche Arbeit die in einer Manufaktur steckt, wuchs uns beiden schon davor über den Kopf. Die ganz Bürokratie, die ständig dazukam. Das ständige Kompensieren müssen. Alles, was aus welchen Gründen auch immer liegengeblieben war, mussten wir stemmen oder verantworten. Immer mit dem Wissen, das wir dafür am Ende haften. Der Druck wuchs ins unermessliche.

Jetzt wurde für uns die Tür zugemacht und ich fühle Dankbarkeit in all dem Leid. Ich fühle Freiheit in all dem Zugzwang in dem wir jetzt stecken. Ich fühle mich so frei, hingehen zu können, wo immer ich hingehen möchte, obwohl ich mich auch gefesselt fühle in allen Abhängigkeiten. Vielleicht weil ich jetzt im Freiflug bin. Weil mir meine angebliche Existenz genommen wurde.

Ich fühle wieder Möglichkeiten. Ich spreche mit Menschen, die sich vorstellen können Verantwortung mitzutragen. Die die Produktion zu sich holen wollen. Die uns entlasten wollen und die ganz konkrete Ideen vorschlagen, die sich gut anfühlen, weil sie mir helfen, mich auf das wesentliche konzentrieren zu können und auf das, was mir liegt und mir Freude bereitet. Es scheint so zu sein, als würde sich alles fügen.

Ganz konkret bedeutet das jetzt, dass wir die ganzen Maschinen an unseren größten Kunden geben können, er wollte sich ohnehin eine eigene Produktion aufbauen. Das trifft sich gut – wir helfen uns gegenseitig. So ist die Produktionsstätte, wenn alles gut läuft zu Ende Juli komplett geräumt und für einen Nachmieter bereit.

Die Produktion von GUTDING zieht Mitte Juni zu unserem liebsten Mitbewerber – nach Süddeutschland – nur im Marketing und Vertrieb bleiben Rado und ich die Hüter unseres Schatzes. Für einen kleinen Moment pausiert GUTDING gerade. Bitte abonniere unbedingt unseren GUTDING-Newsletter auf gutding.org, da posaune ich es sofort hinaus, wenn es weitergeht.

Und notiere dir unbedingt den 6.6.26, das ist ein Samstag. Da wird es einen großen Hofflohmarkt bei uns in Rickling geben. Ich werde alle meine Schätze verkaufen, die ich vor Jahren mal in Frankreich für meinen Traum von einem Concept-Store gekauft hatte und Rado und ich möchten darüber hinaus alles verkaufen, was wir besitzen und nicht mehr brauchen. Das Ziel ist, so schnell wie möglich frei von all dem Materiellen zu sein, damit wir etwas Zeit bekommen, um in den kalten Neustart reinzuwachsen. Wir müssen uns jetzt überlegen, wie es für uns finanziell weitergeht.

Höre auch unbedingt in unseren Podcast AGAPI PUR rein, da unterhalten Rado und ich uns jetzt auch noch häufiger über all die Herausforderungen denen wir jetzt begegnen werden.

Und ich habe Angst, weil ich überhaupt nichts fühle. Wenn mich heute eine Fee fragen würde „Agapi, wohin möchtest du?“ Ich würde irgendwas stammeln von es soll auf dem Land sein in Alleinlage, mit weitem Blick über Wiesen und Felder, am Naturschutzgebiet angrenzend, da wo es dünn besiedelt ist, …

Ich befinde mich jetzt auf dem Weg ins Unbekannte ohne sicheren Boden. Den Weg bin ich noch nie gegangen. Ich hatte immer einen Plan und dachte, ich wüsste bescheid. Ich merke Freude aufsteigen. Vielleicht bin ich jetzt auch einfach nur leer von Erwartungen.

Lieber Wind, nehme mich mit wie ein Blatt und bring mich dahin, wo ich hingehöre.

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